Yardstick-Ausschuss
und Chiemsee-Meisterschaft

Ein gemeinsamer Versuch, die Zusammenhänge zu klären

Beginnen wir als gute Deutsche mit einer Begriffsklärung: Der Yardstick-Ausschuss (YSA) ist eine Vereinigung jener Segelvereine am Chiemsee, die Yardstick-Regatten veranstalten. Der Ausschuss trifft sich ein- bis zweimal pro Jahr, er setzt sich aus den Beauftragten (in der Regel aus den Sportwarten) der Vereine zusammen. Auch die Chiemsee-Meisterschaft (CM) ist eine Vereinigung von - in diesem Fall acht - Segelvereinen, sie wurde mit dem Ziel gegründet, das Regattasegeln am Chiemsee zu fördern.

Die Chiemsee-Meisterschaft wurde 2001 in's Leben gerufen, sie wird also heuer zum siebten Mal ausgetragen. Nach nunmehr sechs erfolgreichen Veranstaltungen, die speziell das Yardstick-Segeln am Chiemsee wieder belebt haben, ist es jetzt vielleicht einmal an der Zeit, das Verhältnis zwischen der CM und dem YSA, dessen Liste und Gruppeneinteilungen die CM für die Veranstaltungen heranzieht, zu überprüfen. Deshalb verantworten auch Charly Zipfer als Geschäftsführer der CM und Martin Köhle als Koordinator des YSA diesen Artikel gemeinsam.

Es ist offensichtlich, dass es für die in der CM zusammengeschlossenen Vereine nicht immer ganz einfach ist, die Vorstellungen der CM und die des YSA unter einen Hut zu bringen. Die Grundidee der Meisterschaft ist dabei eigentlich ziemlich einfach: Man möchte in einer Serie von sechs Wettfahrten die erfolgreichste Crew am Chiemsee ermitteln. Nichts anderes tut übrigens jede Ranglistenwertung einer Klasse auch: Wer im Laufe einer Saison die besten Platzierungern erreicht hat, steht am Ende als Ranglistenerster sagen wir der H-Boot-Klasse fest. Dabei gleichen sich die Vorgehensweisen einer Klassenvereinigung und die der CM in mehreren Punkten. Bei beiden sind die erzielten Plätze in den Regatten der Ausgangspunkt. Die Faktoren von Klassenregatten sind unterschiedlich hoch und haben damit Einfluß auf die Platzierung einer Crew in der Rangliste, ähnlich ist das bei der CM mit den Wertungsfaktoren geregelt, die ja die Zahl der Teilnehmer einer Gruppe und damit die quantitative Bedeutung der Gruppe innerhalb der Meisterschaft widerspiegeln. Hier wie dort sind verschiedene Veranstalter bei der Durchführung der Regatten tätig und hier wie dort gibt es einen übergeordneten Verantwortlichen, der am Ende das Gesamtergebnis feststellt: die Klassenvereinigung bzw. die CM.

Es gibt aber auch einen ganz entscheidenden Unterschied. Nirgendwo in der Segelszene wird versucht, die erfolgreichste Crew aus mehreren, geschweige denn aus vielen Klassen zu ermitteln, also sagen wir den Saisonbesten aus einem Klasensammelsurium von H-Boot, Drachen, Star, 470er usw. Theoretisch wäre das natürlich möglich, man müsste dazu nur die verschiedenen Ranglisten-Regatten untereinander verrechnen. Wie gesagt: theoretisch. Praktisch würden die Segler das wohl nicht akzeptieren, sie würden sagen "ich segle ja gerade deshalb in einer Einheitsklasse, damit ich unter gleichen Bedingungen konkurrieren kann". Die Chiemsee-Meisterschaft geht hier einen anderen Weg: Sie sucht die saisonbeste Crew innerhalb ganz unterschiedlicher Bootsgruppierungen.

Okay, es hat jetzt etwas gedauert, bis das Thema Yardstick in's Spiel kam, aber jetzt ist es soweit. Bei der Chiemsee-Meisterschaft hat das Thema Einheitsklassen ja nur vorübergehend eine Rolle gespielt und auch nur für die H-Boote. Ansonsten war von vorn herein klar, dass die Teilnehmer in Yardstick-Klassen segeln würden und zwar nach dem Schema des Chiemsee-Yardstick-Ausschusses. (Es gibt die Ausnahme der Grand Prix-Gruppe, aber das soll einmal dahingestellt bleiben.) Hier erweist sich als Vorteil, dass der YSA schon seit über 20 Jahren an dem Thema Gruppenbildung gearbeitet und immer darauf geachtet hat, dass die Gruppen dem jeweiligen technischen Stand im Bootsbau, aber auch dem tatsächliche Vorhandensein der Boote bei den Regatten entsprechen. Deshalb hält sich die CM bei ihrer Gruppeneinteilung auch strikt an die Vorgaben des YSA ( Ausnahme siehe oben). Natürlich sind die einzelnen Gruppen unterschiedlich stark besetzt, das gilt sowohl für die Zahl der Starter wie auch für die Qualität der Crews und die des Materials. Aber in sich sind die Gruppen im wesentlichen ausgeglichen, zumindest was das Material angeht.

Ganz klar, dass an dieser Stelle der eine odere andere aufschreit und sagt, sein Schiff sei aber benachteiligt, seine Yardstick-Zahl oder die seiner Konkurrenten sei so falsch, noch falscher könne sie bald nicht mehr sein. Wenn man dann genau hinsieht, dann heißt das meist, dass sich der Vergleich auf Boote anderer Gruppen bezieht. "Da komm ich als Erster in's Ziel und bin dann in der Gesamtliste 23., da sieht man doch, dass meine Yardstick-Zahl falsch sein muß." Der YSA betont immer, dass er keine Möglichkeit sieht, Yardstick-Zahlen zu finden, die sozusagen "Über Alles" gelten, mit denen also ein Opti chancengleich gegen einen Tornado oder auch nur eine Varianta gegen eine Bavaria 34 Speed regattieren könne. Wählt man so extreme Beispiele wie hier, wird jeder sagen: "ganz klar, geht nicht". Wenn aber die Unterschiede nicht so deutlich sind, sagen wir zwischen der Bavaria 34 Speed (mit Yardstick-Zahl 100) als Verdrängeryacht und einer Banner 28, sie war eine der ersten "Flutscheryachten" am See, mit Yardstick-Zahl 98 bis 101 (je nach Version), dann wird die Diskussion schwieriger.

Aus der Erfahrung wissen wir, dass die Bavaria unter bestimmten Bedingungen, nämlich bei ganz wenig Wind, kaum Chancen hat, ihre Yardstick-Zahl herauszufahren, bei kräftigem Wind ist das dann umgekehrt. Wäre das dann die sprichwörtliche ausgleichende Gerechtigkeit? Das könnte man nur dann sagen, wenn es ein zufälliges Ergebnis der jeweiligen Wetterverhältnisse wäre und wenn diese Verhältnisse auch tatsächlich zufällig wechseln würden. Beides trifft aber nicht zu. Der Chiemsee ist, wie alle größeren oberbayerischen Seen, ein Schwachwindrevier, d.h. Schiffe, die für mehr Wind konstruiert wurden (und aufgrund dieser Eigenschaft entsprechend eingruppiert sind), sind gegenüber Leichtwindschiffen systematisch benachteiligt und umgekehrt. Auf der anderen Seite kennt man auch den Spruch "Länge läuft". Er sagt nichts anderes, als dass bei "Verdrängeryachten" die maximale Bootsgeschwindigkeit (in kn) durch die bekannte Formel Quadratwurzel aus der Wasserlinienlänge (in m) mal 2.43 (dimensionslose Konstante) limitiert ist. Je größer die Schiffslänge und damit auch die Wasserlinienlänge ist, umso höher ist dann das Geschwindigkeitspotetial der jeweiligen Yacht. Diese sogenannte theoretische Rumpfgeschwindigkeit, die für diese Boote systematisch gilt, ist die Grundlage für das Gruppenmerkmal "Kielyachten" innerhalb der Yardstickliste. Deshalb ist z.B. die Bavaria 34 Speed in Kielyachten I eingruppiert.

Nun gibt es auch Boote, die dieser Restriktion nicht unterliegen, sie werden als gleitfähige Segelboote charakterisiert, in der Yardstick-Liste finden sie sich unter dem Begriff "Gleityachten", in der Chiemseemeisterschaft werden sie seit 2006 als "Sportyachten" bezeichnet. Gegenüber den Verdrängeryachten zeichnen sie sich durch modernere, quasi jollenähnliche Rumpfformen aus, die den Booten ein Geschwindigkeitspotential zuordnen, das weit größer ist als das z.B. gleich langer Verdrängeryachten. Auch dieses Charakteristikum nimmt der YSA zur Gruppenbildung her.

Innerhalb der Verdränger- bzw. Gleityachten werden noch Untergruppen gebildet, die im wesentlichen durch das größenabhängige Geschwindigkeitspotential der jeweiligen Yachten beschrieben sind, eine 10-Meter-Kielyacht ist in einer anderen Gruppe als eine 7-Meter-Kielyacht usw., bei den Gleityachten ist es ähnlich.

Eine zusätzliche Komplikation bei der Gruppenbildung ergibt sich aus der Tatsache, dass es nicht nur Ein-, sondern auch Mehrrumpfboote gibt. An dieser Stelle hat der YSA nun endgültig das Handtuch geworfen, will sagen, er hat kein Kriterium gefunden, das eine Vergütung zwischen diesen beiden Konstruktionsmerkmalen - Mono- bzw. Multihull - ermöglicht. Die CM hat dafür die Grand Prix-Gruppe geschaffen, in der Ein- und Mehrrumpfboote bis Yardstick-Zahl 89 zusammengefasst werden. Die Yardstick-Zahlen beruhen dabei vor allem bei den Mehrrumpfbooten auf den Vorschlägen der Vertreter des Deutscen Cat-Clubs (DCC), der YSA hat klargestellt, dass er sich hier nicht einmischen kann oder will.

Die ausführliche Darstellung der Gruppenbildung soll klar machen, dass sich die seglerischen Fähigkeiten einer Crew in erster Linie im Vergleich mit den Mitbewerbern in der jeweiligen Gruppe zeigen. Konsequenz: Wäre es aus der Vergangenheit nicht so überliefert, sollte man den "Yardstick-Preis Über Alles", der in vielen Regatten vergeben und der auch meist zur Ermittlung eines Clubmeisters herangezogen wird, schlicht und ergreifend abschaffen. In jedem Fall sollte aber klar sein, dass dieser Preis weit weniger wert ist als eine entsprechende Platzierung in einer qualifizierten Gruppe. (Die CM hat dem seit 2006 Rechnung getragen, indem die Sieger der einzelnen Gruppen nun bedeutend stärker bepreist werden.)

Diesen Gedanken hat die Wertung der Chiemsee-Meisterschaft konsequent umgesetzt. Hier gibt es eben keinen Yardstick-Sieger "Über Alles", der Sieger wird vielmehr aus den erzielten Gruppenergebnissen errechnet. (Dass die veranstaltenden Vereine üblicherweise ein Yardstick-Ergebnis "Über Alles" errechnen, widerspricht dem nicht, wenngleich dies zur Verwirrung beitragen mag. Für die Meisterschaftswertung hat dieses Ergebnis jedenfalls keine Bedeutung.) Das Yardstick-System spielt lediglich auf der Gruppenebene eine Rolle, weil es eben die Gruppen definiert. Bei der Errechnung des Gesamtergebnisses der Chiemsee-Meisterschaft ist das Yardstick-System dagegen ausgeschaltet, hier wird nur noch nach den Plätzen innerhalb der Gruppe und nach der Größe der Gruppe (wegen des Wertungsfaktors) gefragt.

Es ist also bei Lichte besehen belanglos, ob man als Gesamterster in's Ziel kommt und in der Yardstick-Ergebnisliste "Über Alles" dann 23. ist, entscheidend ist die Frage: Welchen Platz hast Du in Deiner Gruppe erreicht? Denn nur der drückt aus, wie sich eine Crew in ihrem Umfeld geschlagen hat. Und da gab es in der bisherigen Geschichte der Chiemsee-Meisterschaft eigentlich nur Überraschungen: Noch nicht einmal ist einer der hoch gewetteten Favoriten Chiemsee-Meister geworden und noch nicht einmal hat es eine Crew zweimal geschafft. Das spricht eigentlich für eine offene und damit auch spannende Wettbewerbssituation.

Martin Köhle für den Yardstick-Ausschuss
Charly Zipfer für die Chiemsee-Meisterschaft